Mauerfall und Wiedervereinigung

1989‒1990

„Auch nach der letzten Demo – Wir sind das Volk – Wir sind ein Volk“ ist auf einem Transparent zu lesen, das Demonstranten bei der vorerst letzten Montagsdemonstration am 12.3.1990 in Leipzig/DDR mit sich führen. Mehr als 400.000 Menschen nahmen an dem Protestmarsch teil. (akg-images / picture-alliance / dpa)

 

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9. November 1989 abends: Der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige SED-Sekretär, Günter Schabowski, teilte auf einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz mit, dass die visafreie Ausreise aus der DDR künftig möglich sein soll. Noch in derselben Nacht wurden die Grenzen zur Bundesrepublik geöffnet. Der Jubel war unbeschreiblich. War dies der erste Schritt hin zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung? Was für Auswirkungen hatte dies auf das Leben der Menschen in Deutschland? Und wie reagierten Einwander*innen und deren Nachkommen auf die nun mögliche deutsche Einheit?

Vom Niedergang des Ostblocks zum Fall der Mauer

Überall im Ostblock kam es Ende der 1980er-Jahre zu Protesten und Demonstrationen. Eine entscheidende Wende trat im Sommer 1989 in Ungarn ein. Das Land hatte infolge größerer Unruhen 1956 eine abgeschwächte Form der sozialistischen Herrschaft als die anderen Ostblockstaaten fortgeführt. Als 1988 eine neue, reformwillige sozialistische Regierung an die Macht kam, öffnete diese am 10. September 1989 die Westgrenze ihres Landes zu Österreich. Kurze Zeit danach flüchteten Tausende DDR-Ausreisewillige in die Botschaften der Bundesrepublik in Prag, Warschau und Budapest.

Am 7. Oktober 1989 gab es zwar noch eine große Feier zum 40. Jahrestag der DDR, diese war aber bereits von Gegendemonstrationen begleitet. In den nächsten Wochen weiteten sich die Proteste gegen das SED-Regime in Deutschland zu Massendemonstrationen aus; der Schwerpunkt waren die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Der Ruf „Wir sind das Volk!” wurde zum Sinnbild dieser „friedlichen Revolution“. Die Staatsführung zeigte sich von der Wucht der Ereignisse wie gelähmt. Am 18. Oktober trat zuerst Erich Honecker und am 7. November dann die gesamte DDR-Regierung zurück.

Erich Honecker
Erich Honecker, geboren 1912/Neunkirchen (Saar), gestorben 1994/Santiago de Chile, war Politiker in der DDR. Von 1971 bis 1989 war er Erster Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. 1976 übernahm er auch das Amt des Vorsitzenden des Staatsrats und vertrat damit die beiden höchsten Ämter in Partei und Staat. Dadurch führte und repräsentierte er die DDR in den 1970er- und 1980er-Jahren. Honecker lehnte Reformen bis zum Zusammenbruch der DDR ab, baute den Überwachungsstaat weiter aus und betrieb eine Politik der Abgrenzung zur Bundesrepublik Deutschland.
Ende der 1980er-Jahre kommt es in den Staaten des Ostblocks zu Protesten gegen die sozialistischen Regierungen. Die Protestierenden fordern mehr demokratische Rechte und eine bessere wirtschaftliche Versorgung. Auch in der seit 40 Jahren bestehenden DDR kommt es überall zu Protesten gegen die Staatsführung. (Bundesstiftung Aufarbeitung, Jürgen Nagel, Bild 2349_009)

Das Paneuropäische Picknick 1989

Am 19. August 1989 wird an der Grenze von Ungarn zu Österreich das Paneuropäische Picknick veranstaltet. Dieses war als Friedensdemonstration gegen die Teilung Europas gedacht. Die vorangekündigte dreistündige Grenzöffnung löst eine Fluchtbewegung aus der DDR aus; zwischen 600 und 700 DDR-Bürger fliehen in den Westen.

Paneuropäisches Picknick: Schlüsselmoment vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. (Ein Beitrag von euronews)

 

Die Mauer hat ihren Schrecken verloren: Szenen der Maueröffnung. Berlin im Umbruch 1989-1995. Mehrere Jugendliche sind auf die Mauer geklettert und schauen hinüber in den anderen Teil Berlins. Nur wenige Jahre zuvor wäre dies unmöglich gewesen und hätte strafrechtliche Konsequenzen oder sogar Schlimmeres nach sich gezogen. (Bundesstiftung Aufarbeitung, Günter Bersch, Bild Bersch-030-A070-2017)

Mauerfall und Grenzöffnung

Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, was zwei Tage später eher beiläufig verkündet werden würde: Am 9. November 1989 teilte der für Information zuständige DDR-Sekretär, Günter Schabowski, auf einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz mit, dass die kurzfristige Visavergabe ohne die bisher notwendige Nennung triftiger Voraussetzungen beschlossen worden sei. Damit wurde eine visafreie Ausreise aus der DDR möglich. Noch in derselben Nacht strömten Tausende Ostberliner an die Mauer, die von den Grenzsoldaten daraufhin geöffnet wurde. Der Jubel war unbeschreiblich, auch unter Westberlinern.

„Die Welt steht Kopf!“

Ingrid Ebert, Journalistin bei einer DDR-Zeitung, notierte in ihrem Tagebuch:

7. Oktober 1989: 40 Jahre DDR – Zehntausende haben das Land in den letzten Wochen und Monaten verlassen, Zehntausende gehen Montag um Montag auf die Straßen, demonstrieren Unzufriedenheit und den Willen zu Reformen […]

8. November 1989: Jeder ist aufgeregt. Jeder möchte reden. Es gibt nur ein Thema: die Revolution im Lande. […] Wie bisher kann und wird es nicht mehr weitergehen […] Es ist zum Staunen, wie klar die Worte nach Jahren des Schweigens ertönten, wie klarsichtig politische Probleme beschrieben wurden […].

10. November 1989: Das gibt es nicht! Das ist der helle Wahnsinn! Die Grenzen zur Bundesrepublik und zu Westberlin sind offen. Ein Freudentaumel ist ausgebrochen. Die Welt steht Kopf. Oder kommt sie jetzt auf die Beine? …“

J. Swoboda, Die Revolution der Kerzen, Wuppertal/Kassel (Oncken) 1992, S. 92 ff.

„Welch Freude auf den Straßen“

Aus einem Interview mit Gabriela, geboren in Griechenland, 1978 zum Studium in die Bunderepublik gekommen und heute als Übersetzerin tätig:

„Ich habe gehört, dass die Mauer fiel, aber was das bedeutet für Westdeutschland, das hab ich nicht richtig realisiert. Ich fand es schon irre, wie sie auf die Straße gingen und feierten und das fand ich schon toll. […]

Also wir hatten sieben Jahre Diktatur und ich weiß noch wie, welche Freude auf den Straßen gefeiert wurde, an dem Tag als die Diktatur fiel. 1974. Daran erinnerte mich das ein bisschen. […]

Ich empfand, dass diese Ostdeutschen hier genauso aufgenommen wurden wie Ausländer. Das waren für mich Menschen, die auch wirklich entwurzelt wurden, auch wenn sie zunächst gerne nach Westdeutschland kamen. […] Ich habe mich mit ihnen teilweise identifiziert, ehrlich.“

Online unter: http://zeitzeugen-interkulturell.de/mauerfall-mit-migrationshintergrund-interview-mit-gabriela/  (Abruf: 5.6. 2020)

Eine Kommunikationspanne veränderte die Welt – 25 Jahre Mauerfall (Fokus Europa. Ein Beitrag von DW Deutsch)

„Tor auf! Tor auf!“ – Grenzöffnung und Fall der Berliner Mauer

Unmittelbar nach der Bekanntgabe der neuen Ausreisebestimmungen bildeten sich Menschenmengen an den verschlossenen Grenzübergangspunkten. Der Druck wurde immer größer. Eine Menschenmenge forderte in Sprechchören die Öffnung der Grenze wie in der DDR-Pressekonferenz von Günther Schabowski angekündigt. Schlussendlich entschließen sich die DDR-Grenztruppen, ohne offizielle Weisung der DDR-Sicherheitsorgane die Grenzen zu öffnen.

Die Revolutionen in Osteuropa 1989/1990

Nicht nur in der DDR begannen die Menschen, sich gegen die Bevormundung und Unterdrückung durch die kommunistische Diktatur zu wehren. Die Aufbruchsstimmung wurde stetig spürbarer: Überall in Ost- und Ostmitteleuropa wurde 1989 zum Jahr der politischen Wende.
Öffnung des Grenzübergangs am Brandenburger Tor in Berlin, 22. Dezember 1989. (akg-images / AP)

„Deutschland, einig Vaterland”: vom Mauerfall zur Einheit

Mit dem Rücktritt der gesamten DDR-Staatsführung und der Öffnung der Grenzen entbrannten in der DDR Diskussionen über die Zukunft des Staates: Einige forderten demokratische Reformen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Viele andere wiederum drängten immer stärker auf einen Zusammenschluss mit der Bundesrepublik. Aus der Parole „Wir sind das Volk“ wurde zunehmend „Wir sind ein Volk“. Ab Dezember 1989 trafen sich am „Runden Tisch” in Ostberlin Repräsentanten der alten Regierung mit Bürgerrechtlern, Vertretern der Kirchen und anderer gesellschaftlicher Gruppen und diskutierten über die Zukunft des Landes. Viele Bürger*innen forderten aber bereits die Vereinigung mit der Bundesrepublik.

Bei der freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 wurde die von der CDU-Ost geführte „Allianz für Deutschland“ stärkste Kraft. Nachdem auch die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges (USA, Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich) ihre Zustimmung im „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ erteilten, kam es am 1. Juli 1990 zu einer Wirtschafts- und Sozialunion, der Wiedervereinigung: Die neu gebildeten Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt wurden Teil der Bundesrepublik.

Zwei-plus-Vier-Vertrag

„Kanzler der Einheit“: Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Frau Hannelore beim Bad in der Menge in Erfurt am 8.4.1991. Kohl war ein Verfechter der deutschen Einheit und trieb den Prozess der deutschen Wiedervereinigung 1989/1990 entscheidend voran. (imago images / Jochen Eckel)

Die Währungen beider deutscher Staaten waren bis 1990 unterschiedlich. In der DDR hieß die Währung „Mark“ (links), in der Bundesrepublik „Deutsche Mark“ (rechts). Die kleinste Währungseinheit hieß in beiden deutschen Staaten „Pfennig“. Bis zur Einführung des Euro als Bargeld im Jahr 2002 galt die D-Mark damit als die Währung für die wiedervereinigte Bundesrepublik.

Wegen der begrenzten Mengen an Mark, die zum Kurs 1:1 in DM umgetauscht werden konnten, gab es vor dem Termin der Währungsunion noch vorgezogene Käufe von Gebrauchsgütern aus der DDR-Produktion wie Waschmaschinen oder Pkw. (Bundesarchiv, Bild 183-1990-0424-015 / Peer Grimm / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons)

Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion und deren Folgen

Mit dem Inkrafttreten des deutsch-deutschen Vertrags über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli 1990 wurde de facto die Vereinigung der beiden deutschen Staaten vollzogen. In der DDR wurde die D-Mark, die Währung der Bundesrepublik, eingeführt. Die endgültige staatliche Einheit erfolgte durch den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes am 3. Oktober 1990.

Die Einführung der D-Mark verbesserte zwar rasch das Warenangebot, aber die Wirtschaft in den neuen Bundesländern musste sich nun der Weltmarktkonkurrenz stellen. Viele Betriebe waren dieser Anforderung nicht gewachsen, da sie bisher immer für einen abgeschotteten Markt, den Ostblock, produziert hatten und finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen hatten. Innerhalb weniger Monate mussten nach der Wiedervereinigung 1990 hunderte Betriebe schließen. Massenarbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern war die Folge.

Der entscheidende Schritt auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft der Deutschen

Der Bundeskanzler der Bundesrepublik und erste Bundeskanzler des wiedervereinigten Deutschlands, Dr. Helmut Kohl, hielt zum Inkrafttreten des Staatsvertrages mit der DDR am 1. Juli 1990 folgende Fernsehansprache:

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Liebe Landsleute!

Vor wenigen Wochen wurde der Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik unterzeichnet –[…]. Seit heute ist er in Kraft.

Dies ist der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Einheit unseres Vaterlandes, ein großer Tag in der Geschichte der deutschen Nation.

Jetzt wird für die Menschen in Deutschland – in wichtigen Bereichen ihres täglichen Lebens – die Einheit erlebbare Wirklichkeit.

Der Staatsvertrag ist ein Ausdruck der Solidarität unter den Deutschen. Die Deutschen in der Bundesrepublik und in der DDR sind jetzt wieder unauflöslich miteinander verbunden. Sie sind es zunächst durch eine gemeinsame Währung, durch die gemeinsame Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft. Sie werden es bald auch wieder in einem freien und vereinten Staat sein.

Die Deutschen können jetzt auch wieder ungehindert zueinanderkommen. Seit heute herrscht an der Grenze freie Fahrt. Wir freuen uns darüber; über 40 Jahre haben wir Deutschen darauf gewartet. […]

Es wird harte Arbeit erfordern, bis wir Einheit und Freiheit, Wohlstand und sozialen Ausgleich für alle Deutschen verwirklicht haben. Viele unserer Landsleute in der DDR werden sich auf neue und ungewohnte Lebensbedingungen einstellen müssen – und auch auf eine gewiss nicht einfache Zeit des Übergangs. Aber niemandem werden dabei unbillige Härten zugemutet.

Den Deutschen in der DDR kann ich sagen, was auch Ministerpräsident de Maizière betont hat: Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser.

Nur die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion bietet die Chance, je die Gewähr dafür, dass sich die Lebensbedingungen rasch und durchgreifend bessern.

Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt. Natürlich fragen sich viele, was dieser beispiellose Vorgang für sie ganz persönlich bedeutet – für ihren Arbeitsplatz, ihre soziale Sicherheit, für ihre Familien. Ich nehme diese Sorgen sehr ernst.

Ich bitte die Landsleute in der DDR: Ergreifen Sie die Chance, lassen Sie sich nicht durch die Schwierigkeiten des Übergangs beirren. Wenn Sie mit Zuversicht nach vorn blicken und alle mit anpacken, werden Sie und wir es gemeinsam schaffen. […]

Die Deutschen in der Bundesrepublik rufe ich dazu auf, unsren Landsleuten in der DDR weiterhin zur Seite zu stehen. Denken Sie daran: Die Menschen in der DDR sind vier Jahrzehnte durch eine sozialistische Diktatur um die Früchte ihrer Arbeit betrogen worden. Sie verdienen unsere Unterstützung.

Und für die Menschen in der Bundesrepublik gilt: Keiner wird wegen der Vereinigung Deutschlands auf etwas verzichten müssen. Es geht allenfalls darum, Teile dessen, was wir in den kommenden Jahren zusätzlich erwirtschaften, unseren Landsleuten in der DDR zur Verfügung zu stellen – als Hilfe zur Selbsthilfe. Dies ist für mich ein selbstverständliches Gebot nationaler Solidarität.

Es ist zugleich eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft. Denn der wirtschaftliche Aufbruch in der DDR wird allen zugutekommen – den Deutschen in Ost und in West, unseren Partnern in Europa und weltweit. […]

Am heutigen Tage bitte ich Sie alle: Gehen wir ohne Zögern gemeinsam ans Werk. Es geht um unsere gemeinsame Zukunft – in einem vereinten Deutschland und einem vereinten Europa.

 

Bulletin der Bundesregierung Nr. 86-90 vom 3.07.1990, Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Die vollständige Rede ist Hier zu finden.

Neue Herausforderungen

1990-2000


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