Zwischen Kontinuität und Umbruch

1980-1989

Eine Familie aus dem Westberliner Stadtteil Kreuzberg geht in den 1980er Jahren entlang der Berliner Mauer spazieren. (imago images / Sommer)

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Das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Beginn des Ost-West-Konfliktes führten zur Gründung zweier deutscher Staaten – der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Bundesrepublik Deutschland. Von Anfang an war die Geschichte beider Staaten eng mit der Ab- und Zuwanderung von Menschen verbunden. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Gesellschaften beider Staaten immer vielfältiger – Menschen von überall aus der Welt fanden hier eine neue Heimat. Doch was waren die Gründe dafür, dass Menschen in die DDR und die Bundesrepublik kamen? Und wie wurden sie aufgenommen?

Die zwei deutschen Staaten im Zeitalter des Kalten Krieges

Deutschland 1949. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden zwei Staaten: im Westen die Bundesrepublik Deutschland und im Osten die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Zwischen den großen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und der Sowjetunion, war es nach 1945 zu Spannungen gekommen. Beide Staaten wurden zu Führungsmächten von konkurrierenden Machtblöcken mehrerer Staaten. Europa wurde zwischen den beiden Einflussbereichen aufgeteilt, deren Grenzen im geteilten Deutschland aufeinandertrafen. Damit begann der sogenannte Ost-West-Konflikt; er mündete in einem atomaren Wettrüsten, das die ganze Welt bedrohte.

Migration

Der Begriff Migration beschreibt Wanderungsbewegungen, die es seit Beginn der Menschheit gibt und die seit dem 15. Jahrhundert auf globaler Ebene stattfinden. Migration kann freiwillig oder unfreiwillig sein und verschiedene Ursachen haben, die sich in Push- und Pull-Faktoren unterteilen lassen. So gehören Arbeitslosigkeit, Krieg oder Umweltzerstörung zu möglichen Push-Faktoren, die Migranten zum Verlassen ihres Herkunftslands verleiten. Mögliche Pull-Faktoren, die von einem anderen Land ausgehen und dieses zu einem vorzuziehenden Wohnort machen, sind zum Beispiel Bildung, Nähe zur Familie oder dass dort keine Diskriminierung vorherrscht.

Osten/Westen

Bis 1990 waren die beiden Begriffe im politischen Sinn eindeutig: Der Westen umfasste alle europäischen Staaten westlich des „Eisernen Vorhangs” sowie die USA und Kanada. Der Osten waren die Staaten Ostmitteleuropas und die Sowjetunion. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verschwand auch die Aufteilung der Welt in Ost und West. Die Bezeichnungen sind heute nicht mehr zutreffend. Trotzdem werden die Begriffe  noch häufig genutzt. Die zuvor sozialistischen Länder des ehemaligen „Ostens“, wie Tschechien, Polen oder Ungarn, gehören heute zum Beispiel der EU und der NATO an, werden aber von einigen Menschen immer noch als „Osten“ bezeichnet. Dabei ist der „Osten“ nicht deckungsgleich mit dem geografischen Osten. So liegt Prag, die Hauptstadt Tschechiens, westlicher als Wien, die Hauptstadt Österreichs.

Ost-West-Konflikt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die USA und die Sowjetunion zu Führungsmächten zweier konkurrierender Machtblöcke. Der Ost-West-Konflikt war ein Systemkonflikt: Beide Machtblöcke waren davon überzeugt, das bessere Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu repräsentieren. Da es nie zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung kam, wird der Ost-West-Konflikt auch „Kalter Krieg“ genannt. Eine direkte Auseinandersetzung mit Atomwaffen hätte verheerende Zerstörungen bedeutet. Trotzdem kam es in sogenannten Stellvertreterkriegen, wie zum Beispiel in Korea (1950‒1953) oder in Vietnam (1955‒1975), zu bewaffneten Konflikten zwischen den zwei Machtblöcken.

Sowjetunion

Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). So hieß der aus dem zaristischen Russland 1917 bzw. 1922 hervorgegangene, zentralistisch regierte Einparteienstaat. Die gesamte Entscheidungsgewalt lag bei der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Der Staat bestand aus 15 Unionsrepubliken mit mehr als 100 verschiedenen Ethnien und circa 22 Mio. km² Staatsgebiet. Trotz der Größe und Vielfalt wurden in vielen Ländern Westeuropas oft alle Sowjetbürger fälschlich als „Russen” bezeichnet. 1991 löste sich die UdSSR auf.

Grenzen von NATO und Warschauer Pakt von 1949 (Gründung der NATO) bis 1990. (Julian Oster, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Deutsch-deutsche Migrationsgeschichte 1945‒1990

Die deutsch-deutsche Geschichte von 1945 bis 1990 war niemals eine rein „deutsche“ Geschichte. Zahlreiche Ereignisse und Entwicklungen überall auf der Welt hatten Auswirkungen auf die Geschichte der Bundesrepublik und der DDR. Deutsche Geschichte war damit immer ein Teil einer globalen Geschichte und immer eine Geschichte von Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprache, Kultur oder Religion.

Das geteilte Deutschland und die zwei deutschen Staaten 1949‒1990. (Alexrk2, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Die Bundesrepublik Deutschland

Die Bundesrepublik Deutschland führte eine parlamentarische Demokratie mit Mehrparteiensystem und freien Wahlen eingeführt. Im Jahr 1949 verkündeten Grundgesetz wurde jedem/-r deutschen Staatsbürger*in die Grundrechte zugesichert. Die Menschen durften frei ihre Meinung äußern, protestieren oder ihren Wohnort frei bestimmen. In freien und geheimen Wahlen konnten sie selbst ihre politische Regierung wählen und diese auch offen kritisieren. Die Wirtschaft wurde wiederaufgebaut und als Soziale Markwirtschaft organisiert.

Soziale Marktwirtschaft

Die Marktwirtschaft ist ein Wirtschaftssystem, das auf der Freiheit des Eigentums an Produktionsmitteln beruht. Die Preisbildung erfolgt nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Die „Freie Marktwirtschaft“, in der der Staat sich weitgehend aus wirtschaftlichen Entwicklungen heraushält, wurde in der Bundesrepublik in den 1950er-Jahren von der „Sozialen Marktwirtschaft“ abgelöst. In ihr versucht der Staat Wirtschaftsprozesse zu beeinflussen und Krisen oder Missstände, die sich aus Fehlentwicklungen oder wirtschaftlichen Ungleichheiten ergeben, durch staatliche Maßnahmen auszugleichen.

Die Deutsche Demokratische Republik

Die DDR sollte nach dem Vorbild der Sowjetunion aufgebaut werden. Zwar nannte sich die DDR demokratisch, tatsächlich war sie aber eine Einparteien-Diktatur mit einer vorherrschenden Partei, der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Die SED verfügte über die gesamte politische Macht im Staat. In der DDR gab es eine zentral gesteuerte Wirtschaft, eine sogenannte Zentralverwaltungswirtschaft. Die wirtschaftliche Entwicklung stellte sich als schwer umsetzbar heraus, sodass viele Güter Mangelware blieben oder nur schwer zu bekommen waren. Viele Menschen waren daher mit dem politischen und wirtschaftlichen System der DDR nicht einverstanden. Widerstand oder Protest zu äußern, war jedoch gefährlich und wurden gewaltsam unterdrückt.

Zentralverwaltungswirtschaft

Die Zentralverwaltungswirtschaft wird auch als Planwirtschaft bezeichnet. Hier ist der Staat der wirtschaftliche Hauptakteur. Produktionsmitteln in Privateigentum gibt es nicht. Eine zentrale, meist staatliche Instanz plant die Produktion und den Konsum von Gütern. Die Produktion und der Konsum von Gütern werden von einer zentralen, meist staatlichen Instanz geplant. Die Zentralverwaltungswirtschaft war die Wirtschaftsordnung der sozialistischen Staaten in Europa bis 1990.

Menschen in Bewegung – die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte

Von Beginn an stand die Nachkriegsgeschichte der zwei deutschen Staaten im Zeichen der Migration: Nach 1945 mussten über zwölf Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und aus anderen Regionen Ost- und Südosteuropas aufgenommen werden. Sie waren während des Krieges geflohen oder wurden nach dem Krieg gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die Auswanderung und Vertreibung waren eine Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und Kriegsverbrechen in Ostmitteleuropa und Südosteuropa bis 1945. In der DDR wurden diese Menschen „Übersiedler*innen“ genannt. In der Bundesrepublik, die den Großteil der Menschen aufnahm, nannte man sie „Heimatvertriebene“.

Aufnahme von Heimatvertriebenen

Obwohl die „Heimatvertriebenen“ die deutsche Sprache sprachen, wurden sie in der Nachkriegszeit vielerorts nicht willkommen geheißen. Die deutsche Aufnahmegesellschaft begegnete ihnen mit Ängsten, Ablehnung, konfessioneller Diskriminierung und Rassismus. In der Rhein-Neckar-Zeitung hieß es 1949:

„Die Flüchtlinge sind grundsätzlich schmutzig. Sie sind grundsätzlich primitiv, ja sie sind sogar grundsätzlich unehrlich. Daß sie faul sind, versteht sich am Rande, und daß sie lieber einen braven Einheimischen betrügen, als ihm eine Arbeit abzunehmen. Ganz abgesehen davon, daß sie das streitsüchtigste Volk sind, das in unseren Gassen und Gäßchen einherläuft. Und einen Dank für das, was man ihnen tut, kennen sie nicht. Das ist es, was man in neunzig von hundert Unterhaltungen über Flüchtlinge zu hören bekommt“

(Quelle: Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen, München 2011, S.108.)

Die Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Die 1961 errichteten Grenzanlagen hinderten die Menschen von Ost- nach Westberlin oder von der Bundesrepublik in die DDR zu gehen. Immer wieder kam es zu Fluchtversuchen aus der DDR. Mindestens 140 Menschen starben dabei. (imago images / Rolf Zöllner)

Migration stoppen – die Berliner Mauer

Im Jahr 1961 ließ die DDR-Regierung mitten durch Berlin eine Mauer bauen. Nachdem vorher viele Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik verlassen hatten, war dies nun nicht mehr möglich, da durch ganz Deutschland eine scharf bewachte Grenze verlief.

Immer wieder kam es bei Fluchtversuchen zu Todesfällen. Hunderte Menschen starben bei dem Versuch, aus der DDR in die Bundesrepublik zu fliehen.

Erst ab 1980 konnte man einen Ausreiseantrag aus der DDR stellen. Zehntausende taten dies. Da die Bearbeitungszeit der Anträge oft monate- und jahrelang hinausgezögert wurde, mussten viele bis zu ihrer endgültigen Übersiedlung oft persönliche Nachteile hinnehmen, wie zum Beispiel den Verlust der Arbeitsstelle oder den erzwungenen Abbruch der Ausbildung.

Das geteilte Berlin 1949-1990. (Lencer, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

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55 türkische Gastarbeiter kommen am 27.11.1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. Sie sind die ersten von 400 Bergleuten aus der Türkei, die sich für ein Jahr Arbeit in Deutschland verpflichtet haben. (akg-images / picture-alliance / Wolfgang Hub)

Arbeitsmigration in der Bundesrepublik

Anfang der 1950er-Jahre setzte in Westeuropa ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Das sogenannte Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik stützte sich auf eine weltweit steigende Nachfrage nach Industrieprodukten. Die Menschen begannen, sich Autos zu kaufen, in den Urlaub zu reisen und Geld für viele verschiedene Konsumgüter auszugeben. Es herrschte nahezu Vollbeschäftigung: fast alle arbeitsfähigen Männer und Frauen hatten einen Arbeitsplatz. Unternehmen und Fabriken benötigten jedoch für ihre Produktion immer mehr Arbeitskräfte.

Um ein stetiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten, begann man mit der Anwerbung von Menschen aus anderen Ländern, den sogenannten Gastarbeitern. Diese sollten anfangs nur vorübergehend als Arbeitskraft in der Bundesrepublik bleiben.

Arbeitsmigration in die DDR

In der DDR kam es zu keinem so starken Wirtschaftswachstum wie in der Bundesrepublik. Dennoch gab es auch dort Arbeitsmigration. In den ersten Nachkriegsjahren hatte die DDR Vertriebene aufgenommen, etwa vier Millionen Menschen. Gleichzeitig verließen bis zum Bau der Mauer im Jahr 1961 aber auch drei Millionen Menschen die DDR. Später kamen vor allem Zuwanderer aus den sozialistischen „Bruderstaaten” wie der UdSSR, Polen und Ungarn. Sie blieben als Studierende oder Facharbeiter meist nur für eine gewisse Zeit im Land.

In den späten 1960er-Jahren begann auch die DDR, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben, da es an ausreichend einheimischen Arbeitskräften mangelte. Den sogenannten Vertragsarbeiter*innen wurde eine Ausbildung versprochen. Sie sollten einige Jahre arbeiten, ihre Ausbildung erlangen und dann wieder in ihre Herkunftsländer zurückgehen.

 

Vietnamesische Vertragsarbeiter bei der Produktion eines Automotors im DDR-Betrieb „VEB Barkas-Werke (IFA-Kombinat)“, 1989. (Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, Bild 89_1206_WIF_IFA_18)

Neue Verschärfungen, neue Migrationsbewegungen: Der „zweite” Kalte Krieg

Nachdem es in den späten 1960er-Jahren Ansätze einer internationalen Abrüstung von Kriegswaffen gegeben hatte, rüsteten die Staaten in Ost und West in den späten 1970er Jahren wieder auf. Überall flammten neue Konflikte und Kriege auf, bei denen die beiden Kontrahenten des Ost-West-Konfliktes in Stellvertreterkonflikten miteinander um Einfluss rangen. Auch in Europa wurden neue Atomwaffen stationiert. Gegen diese Stationierung in West- und Osteuropa bildete sich in der Bundesrepublik eine von breiten Bevölkerungskreisen getragene Friedensbewegung. In der DDR versuchten kleinere Gruppen, oft unter dem Schutz der evangelischen Kirche, ebenfalls Widerstand gegen die globale Aufrüstung zu organisieren, doch war dort öffentlicher Protest kaum möglich. Wer dies tat, musste mit staatlicher Verfolgung rechnen.

Neue Migrationsbewegungen

Ab den späten 1970er-Jahren erlebte die Zuwanderung in die Bundesrepublik einen neuen Schub. Auslöser waren verschiedene Ereignisse und Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten sowie in Südostasien. Fast immer spielte hierbei der Ost-West-Konflikt eine maßgebliche Rolle.

Migrationsbewegungen – das Beispiel Vietnam

„Wir konnten nicht nur zusehen. Wir mussten handeln. Wir haben gehandelt.“

Der Vietnamkrieg war 1975 mit dem Sieg des kommunistischen Nordens zu Ende gegangen. Etwa 1,6 Millionen Menschen verließen daraufhin das Land. Anfangs wurden in der Bundesrepublik die sogenannten Boatpeople-Flüchtlinge freundlich begrüßt und unterstützt. Viele Deutsche hatten infolge der Ereignisse der Nachkriegszeit selbst eine Migrationsgeschichte und engagierten sich in der Flüchtlingshilfe oder bei der Integration von Flüchtlingen. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht war einer der ersten prominenten Politiker, der die Aufnahme von „Boatpeople“-Flüchtlingen forderte und umsetzte. Die DDR hingegen sah die „Boatpeople“ negativ, da die Menschen aus einem kommunistischen Land flohen.

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Erklärung der Landesregierung zur Hilfe des Landes Niedersachsen für Flüchtlinge aus Vietnam

Rede des Ministerpräsidenten Ernst Albrecht vor dem Landesparlament Niedersachsen am 29. November 1978.

Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Seit vielen Tagen verfolgt die Weltöffentlichkeit die Flüchtlingstragödie im Fernen Osten. Tausende von Menschen haben Heimat und Besitz aufgegeben, um das nackte Leben zu retten und dem Druck einer harten Diktatur zu entkommen. Auf alten, nur noch bedingt seetüchtigen Schiffen versuchen sie, zu den Nachbarstaaten zu gelangen, um dort aufgenommen zu werden.

Aber ihre Hoffnungen wurden enttäuscht. Die südostasiatischen Staaten sind immer weniger bereit, dem Strom der Flüchtlinge ihre Grenzen zu öffnen. Wir Europäer, die wir in Frieden und Wohlstand leben, haben keinen Anlass, uns über die Einwanderungspolitik dieser Staaten zu entrüsten; […] Hunderte von Millionen haben vor dem Fernsehen diese Tragödie miterleben können. Aber wo blieb und wo bleibt die erlösende Tat? […]

,,Die Würde des Menschen ist unantastbar,“ Mit dieser verpflichtenden Feststellung leitet das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland das Kapitel über die Grundrechte ein. Die Würde des Menschen ist keine Eigenschaft, die auf das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland beschränkt werden kann. Sie gehört allen Menschen, und ihre Verletzung berührt uns alle, gerade uns Deutsche. Wir sind die drittgrößte Industrienation der Welt. Wir leben im Wohlstand, und wir leben in Freiheit. Wir können helfen, wenn wir es wollen. Und so lange ist es noch nicht her, dass deutsche Menschen[,] Millionen an der Zahl — mitten im kältesten Winter zu Fuß über tausend Kilometer vor den russischen Armeen in den Westen geflohen sind. Müssen wir nicht besser als andere wissen, was es heißt, auf der Flucht zu sein? Wir Niedersachsen leben darüber hinaus im Bundesland mit der längsten Zonengrenze. Viele Landsleute wagen immer noch den Versuch, in die Freiheit zu gelangen. Häufig genug enden diese Versuche mit Gefängnis, mit Verwundung oder auch mit Tod. Sollten wir deshalb nicht mehr als andere aufgerüttelt sein durch das, was sich in und um Vietnam vollzieht?

Dies alles, meine Damen und Herren, hat uns bewegt, als wir gesagt haben: Wir Niedersachsen sind bereit, 1 000 Flüchtlinge aus Vietnam bei uns aufzunehmen. […] Wir haben auch keine Veranlassung, uns wohlgefällig zurückzulehnen, auf die anderen herabzuschauen und zu beobachten, ob sie es uns gleichtun. Wir wollen einen Beitrag leisten, und wir wollen vielleicht auch ein Signal setzen, aber nicht mehr. Wie ich aus den vielen Zuschriften habe entnehmen können, die ich von unseren Bürgern bekommen habe, ist dies gelungen. Zumindest die Bürger haben dieses Zeichen verstanden.

Natürlich gibt es Probleme, und wir sollten an diese Aufgabe nicht mit Illusionen herangehen, sondern in klarer Erkenntnis der vielfachen Schwierigkeiten. […] Es kommen Menschen zu uns, denen unser Kulturkreis fremd ist, die unsere Sprache nicht sprechen, die ein anderes Klima gewohnt sind. Wir müssen sie kleiden, wir müssen sie beherbergen, wir müssen ihnen Arbeitsplätze bieten. Wir müssen ihnen helfen, die Sprache zu lernen, unsere Sitten zu verstehen und ihre Einsamkeit zu überwinden.

All dies kann nur gelingen, wenn viele Menschen, wenn unsere Beamten, wenn die Gemeinden, die Kirchen und die Wohlfahrtsverbände, vor allem aber unsere Bürger tatkräftig mithelfen.

Im Übrigen haben wir nun schon eine mehrjährige Erfahrung, nicht zuletzt auch mit der Aufnahme Tausender Asylbewerber, z. B. aus Pakistan. Wir haben in Niedersachsen aber auch etwa 400 Bewerber aus Chile aufgenommen, und wir sind bereit, das auch in Zukunft zu tun, ganz gleich, ob die Asylbewerber aus Pakistan oder aus Chile, aus Argentinien oder aus anderen Ländern der Welt kommen.

[…]

Meine Damen und Herren, wir konnten nicht nur zusehen. Wir mussten handeln. Wir haben gehandelt.

(Quelle: Niedersächsischer Landtag, Stenographischer Bericht, 6. Sitzung, Hannover, den 29. November 1978)

 

Anfangs war die Bundesrepublik nicht bereit, den vietnamesischen Flüchtlingen zu helfen. Private Initiativen übernahmen die Seenotrettung im Südchinesischen Meer. Hierfür wurden mit Spendengeldern Schiffe gekauft und zu Hilfsschiffen umgebaut. Die „Cap Anamur“ war das bekannteste Schiff und rettete tausende Menschen aus Seenot. Erst durch die privaten Rettungsaktionen wurde der bundesdeutschen Bevölkerung das gesamte Ausmaß der Not der vietnamesischen Flüchtlinge bewusst. Schlussendlich entschied sich auch die bundesdeutsche Politik für Rettungsprogramme. (imago images / Sven Simon)

Eine neue Chance auf ein Ende des Kalten Krieges?

Neue Hoffnungen auf Veränderungen im Kalten Krieg kamen auf, als 1985 der reformwillige Politiker Michail Gorbatschow der mächtigste Mann in der Sowjetunion wurde. Seine Reformbestrebungen unter den Schlagworten „Perestroika“ (Veränderung) und „Glasnost“ (Offenheit) hatte die Demokratisierung und Modernisierung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems zum Ziel. Davon erhoffte er sich eine Verbesserung der ineffizienten sowjetischen Wirtschaft und der wachsenden gesellschaftlichen Unzufriedenheit mit dem politischen System. Zudem strebte Gorbatschow die Senkung der sehr hohen Rüstungsausgaben an und betrieb daher eine neue Entspannungspolitik mit den USA. 1987 einigten sich beide Mächte auf den Abbau der erst wenige Jahre zuvor stationierten Mittelstreckenraketen.

Veränderungen und Wandel im Ostblock

Wirtschaftliche und politische Probleme gab es in den 1980er-Jahren aber nicht nur in der Sowjetunion, sondern in allen kommunistischen Staaten Ostmitteleuropas. Viele Menschen waren unzufrieden mit der Situation und forderten den gleichen Lebensstandard und die gleichen demokratischen Rechte wie in den Staaten Westeuropas. In Polen hatte sich bereits 1980 die unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“ gegründet, die offen das kommunistische Regime herausforderte und eine Veränderung der politischen Situation einforderte. Begünstigt wurden diese Entwicklungen durch Gorbatschows Reformpolitik und dessen Abkehr von der „Breschnew-Doktrin“. Überall in den sozialistischen Staaten kam es 1989 zu Protesten und Demonstrationen gegen die kommunistischen Regierungen.

Solidarnosc

Die Solidarność (dt. Solidarität) war die erste unabhängige Gewerkschaft in einem kommunistisch regierten Staat. Rasch wurde sie unter ihrem Vorsitzenden Lech Wałesa zu einer Massenbewegung, unterstützt von der in Polen sehr einflussreichen katholischen Kirche. Auch das Verbot der Gewerkschaft 1981 oder das 1981 bis 1983 verhängte Kriegsrecht, bei dem ein Ausgeh- und ein Versammlungsverbot herrschten, konnten die wachsende Unterstützung für die Solidarność und deren demokratische Forderungen nicht verhindern. 1988 wurde sie daher wieder zugelassen und wirkte maßgeblich an der Demokratisierung Polens mit.

Breschnew-Doktrin

Die Breschnew-Doktrin wurde am 12. November 1968 vom sowjetischen Staatsoberhaupt Leonid Breschnew verkündet. Sie ging von der „beschränkten Souveränität“ der sozialistischen Staaten aus und leitete daraus das Recht ab, einzugreifen, wenn in einem dieser Staaten der Sozialismus bedroht würde. Damit rechtfertigte Breschnew nachträglich den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei am 21. August 1968, mit dem die zuvor begonnene Liberalisierung in diesem Land gewaltsam beendet wurde. 1988 wurde die Doktrin offiziell aufgehoben. Gorbatschow verkündete, dass nun jeder Staat des Warschauer Paktes seine inneren Angelegenheiten souverän regeln solle und die Sowjetunion nicht mehr eingreifen werde.

Michail Gorbatschow, ab 1985 Generalsekretär der KPdSU und damit mächtigster Mann im gesamten Ostblock (RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Der INF-Vertrag von 1987

Ein Wendepunkt in den Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion stellte der 1987 unterzeichnete INF-Vertrag dar. INF ist die Abkürzung für Intermediate Range Nuclear Forces Treaty (Mittelstrecken-Nuklearstreitkräfte-Vertrag). Dies war ein wichtiger Schritt der Entspannungspolitik und machte die Welt ein Stück weit sicherer. Er wurde auf unbeschränkte Dauer geschlossen, ist jedoch seit dem 2. August 2019 außer Kraft gesetzt, da die USA und Russland sich gegenseitig eine Vertragsverletzung vorwerfen.

Die Anfänge von Solidarność in Polen

In der DDR und der Bundesrepublik wurden die Entwicklungen rund um die Solidarność in Polen mit großem Interesse verfolgt. In dem Beitrag wird erklärt, wie die Regierungen der Bundesrepublik und der DDR auf die Entwicklungen reagierten.

Mauerfall und Wiedervereinigung

1989-1990

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